Hab mal wieder die Kontrolle über meine Körper verloren. Ich weiß nicht, ob ich Hunger oder Durst habe oder eigentlich viel zu voll bin oder müde oder ob ich Muskelkater habe oder einen Herzinfarkt. Bin nur froh, dass auf dem Weg von Köln nach Hamburg alles so unendlich zumutbar ist. Die Temperaturen im Flughafen, die Wartezeiten, die Fußwege. Nur die scheiß Menschen nicht. Hinter mir sitzt ein Geschöpf mit Stinkefüßen und Husten. Eines von beiden hätte zu meiner Verärgerung schon gereicht, aber vereint bringt es mich zum Hassen. Das Geschöpf ist ein kleiner dicker Junge. Zum Glück hat er erst beim Landen mit dem Husten angefangen. Neben mir ist frei. Am Gang sitzt eine Frau, in deren Parfüm ich mich vor den Stinkefüßen retten kann. Ich weiß nicht, ob man das sagen kann: sich in etwas retten. Aber ich habe es gemacht.

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Alternative Sternzeichen

Es ist mir peinlich, dass meine Schwester Grundschullehrerin ist, aber ich arbeite dran.

Verschone mich mit guten Ratschlägen, wenn ich gerade körperliche Arbeit verrichte.

Es ist nicht die Anlage, es ist nicht das Licht – es sind die Leute.

Ich hab kein Geld für Essen.

So komisch es ist, wenn zwei Männer sich küssen, so geil ist es, wenn zwei Frauen es tun.

Ein Leopardenpulli ist mir zu konkret.

 

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Belauschte Gespräche

Belauschtes Gespräch Nummer eins:

Ich sitze im Bus von Bergamo nach Mailand. Neben mir ein Typ, der aussieht wie ein menschgewordenes Käsefondue (blonde Matte, verschmierte Brillengläser, dicke Finger). Er trägt eine lila Batikhose und schwitzt. Alle im Bus schwitzen.

Er telefoniert mit einer Giulia Giulia Giulia.Vielleicht hat er mal irgendwo gelesen, dass Menschen es mögen, wenn man ihren Namen sagt. Jedenfalls sagt er ihren Namen oft. Ich schnappe irgendwas mit „dreckiger Motherfucker“ auf. Sowas interessiert mich natürlich. Ich starre in mein Buch und lausche so doll ich kann:

Giulia Giulia Giulia dein Vater ist ein Arschloch tut mir leid dass ich das so sagen muss aber dein Vater ist ein dreckiges Arschloch do you understand Giulia. He harassed her. Meine Tante hat drei Kinder und dein Vater hat sie…

Er redet immer leiser. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich ihn belausche. Oder er will mich nicht beim Lesen stören.

Don’t be so cold don’t be so cold now Giulia…… Giulia deine Mutter…  …ich liebe deine Mutter             …deine Mutter ist ein Segen für uns alle… es tut mir leid…                                               …nie mitbringen dürfen…                                                                     …. ein Arsch…                                                                                                                               …ja                                            …weil ich noch studiere…                          Giulia Giulia Giulia…

Dann legt Giulia auf oder die Verbindung bricht ab.

 

Belauschtes Gespräch Nummer zwei:

Nach Kirschgarten an der Theater-Bar. Ein Mann und eine Schauspielerin, beide könnten in einem unrealistischen ARD Film schon Großelten sein.

Sie: Die Jugendlichen kommen mir so verkrampft vor. Die wollen nur einen guten NC damit sie später dies und das machen können. Anstatt mal zum Hambacher Forst zu fahren.

Er: Ich wäre ja fast hingefahren, zum Hambacher Forst.

Sie: Mein Fahrradhändler war da. Der hat gesagt, es sei eine ganz tolle Atmosphäre. So wie der Anfang von Anti-Atomkraft.

 

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Zwei Reisen

Seit der Sommer die Stadt unter sich begraben hat, geht er gerne mit einkaufen. Sie stehen vor dem Kühlregal und laden mariniertes Grillfleisch in den Wagen. Eigentlich würzt sie lieber selbst, aber bei der Hitze… Kein Wunder, dass sie in Afrika zu nichts kommen, die Armen. Eigentlich müsste man raus aus der Stadt, der elenden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

aus der Strassen quetschender Enge.*

Dahin, wo die Sonne keine Strafe ist. Auf den Koffern liegt der Staub von 3 Jahren. Sie fahren im Morgengrauen los, er muss bis Mailand nicht auf die Karte sehen. In der Hafenstadt steht der Verkehr. Die Fenster bleiben oben. Sie wollen keine bettelnden Hände im Wagen, und schon gar keine stehlenden. Die Fähre geht um 10, es wird knapp:

Und, bis zum Sinken überladen,

entfernt sich dieser letzte Kahn.*

Die Insel ist auf Besucher eingestellt: Morgens sammeln Jugendliche in gelben Westen das Strandgut ein, dann rammen Urlauber ihre Schirme in die unberührte Natur.

Im flachen Wasser ist es warm, die Wellen halten sich zurück. Er schläft er auf der Luftmatratze ein. Eine Stunde später ist er verschwunden, die Luftmatratze auch. Am Nachmittag beginnt sie, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Sie nimmt seine Sandalen mit zur Polizei.

Der Gerettete liegt im Krankenzimmer und ist sehr erleichtert. Sie haben ihn gerade noch rechtzeitig gefunden, er trieb 22 Kilometer vor der Küste. Völlig unterkühlt, mit einem schweren Sonnenstich. Er redet wirr und halluziniert. Die dünnen Laken tun gut auf der verbrannten Haut. Auf dem Nachttisch steht ein Blumenstrauß, jemand dreht den Ventilator in seine Richtung. Danke, denkt er:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!*

Auf dem Gang brüllt eine Frau: DAS IST NICHT MEIN MANN!

 

*aus Goethes Osterspaziergang

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THEMA.PERSPEKTIVE

Ein kleiner Sachbearbeiter war zu einem großen Mahl eingeladen. Sie waren zu viert. Die Vorspeise war eine Gazpacho, eine Gazpacho. Hmmm. 

Der kleine Sachbearbeiter hatte nie zuvor eine Gazpacho gegessen, geschweige denn das Wort Gazpacho gehört. Die Gazpacho schmeckte ihm ganz ausgezeichnet. Er war als Erster damit fertig. „Eine ausgezeichnete Gazpacho“ hätte er gerne gesagt, war sich aber unsicher bezüglich der Aussprache. Zur Sicherheit entschied er, abzuwarten. 

„Eine tolle Gazpacho“ sagte einer.

„Super, diese Gazpacho“ sagte ein anderer. 

Der kleine Sachbearbeiter nickte nur. Gaspatscho. Gaspatschio. Gaaspatschscho.

 

 

Dann kam die Sommerpasta, nach einem Rezept von Jamie Oliver: Spaghetti mit Eigelb und Zitrone und natürlich Basilikum. Kalt. Was für eine ungewöhnliche Kombination!

Der kleine Sachbearbeiter wäre gern noch mal auf die Gazpacho zu sprechen gekommen, fand aber, das sei nun auch wieder der falsche Zeitpunkt. Mitten in der Hauptspeise. Später. 

Der Nachtisch war ein Parfait. Halbgefrorenes. Dann war das Essen vorbei. Der kleine Sachbearbeiter ging.   

Man wunderte sich. Der kleine Sachbearbeiter hatte es wohl nur auf den Wein abgesehen. Der gute Wein. Er war kein Kostverächter, so viel stand fest. Aber die Gazpacho so runterzuschlingen. Wirklich. Die ganze Zeit über hatte er nicht geredet, nur getrunken. Siebenmal hatte man ihm nachschenken müssen. Sieben Mal! Dann war er gegangen: 

Tschüß. Und danke für die Suppe. 

 

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Thema.WUNDEN

Wer bin ich?

Unter Schmerzen geboren besteht

Mein Lebenssinn drin,

Möglichst zur Gänze zu verschwinden.

Mein Grabstein ist eine Narbe. 

                                                     Die Wunde

 

Welche innere Verletzung entspricht einem aufgeschürften Knie? 

Wunden und Fahrräder gehören für mich zusammen. Mit sechs, relativ spät, habe ich Fahrradfahren gelernt. Erst mit Stützrädern, dann ohne. Ich habe mich beim Lernprozess oft schwer geärgert, weil es nicht klappen wollte. [Ein Exkurs in die motorische Pädagogik: Heutzutage ist man davon abgerückt, Kindern Stutzräder ans Fahrrad zu bauen. Besser, man lässt die Kinder zur Vorbereitung Laufrad fahren, oder Roller.]

Fahrradunfälle waren für mich fortan die Quelle zahlreicher Wunden: 

Meistens aufgeratschte Handballen und Schürfwunden an den Knien. Die Kniewunde ist wohl der Klassiker unter den Wunden. (Zumindest wenn man nicht in einem Land lebt, wo Menschen ausgepeitscht werden oder Schlimmeres.)

Eine besondere Pein bringen halbverheilte Kniewunden in Verbindung mit Strumpfhosen ≤ 40 Den. 

Mittlerweile habe ich beim Radfahren technische Perfektion erreicht. Ich falle fast nie hin. Kniewunden wurden von anderen Wunden abgelöst. Jetzt entsteht die Reibung nicht mehr zwischen meinem Körper und dem Boden, sondern zwischen meiner Seele und Beleidigungen anderer Verkehrsteilnehmer. 

Oft beschweren sich Leute über meinen Fahrstil und nennen mich übel: Schlampe, Fotze, dumme Kuh. Einmal hat mich auch jemand Arschloch genannt, da habe ich mich direkt ein bisschen emanzipiert gefühlt. 

Wunde:

Wunder: 

PS: Eine der außergewöhnlichsten Wunden, die mir das Fahrradfahren je beigebracht hat, war eine Schrammwunde über dem linken Hüftkochen. Die Straße war mit einer sehr dünnen Eisschicht bedeckt. Als ich mich scharf in die Kurve legte, rutschten die Reifen unter mir zur Seite weg und ich knallte körpermittig auf den kalten Asphalt. Eine tolle Wunde!

 

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Zwischen den Zeilen mit Henning Baum


(aus dem DB Magazin)

„Wenn ich ein Interview gebe, will ich maximal intellektuell wirken“, sagt Henning Baum. „Was ein Mensch behauptet gelesen zu haben, offenbart oft viel über sein Innerstes.“

Herr Baum, wundern Sie sich manchmal, dass es Menschen gibt, die Sie interviewen wollen?

Nein, ich bin ein Baum.

Welche Bücher lesen Sie?

Die Romane von Lee Child über den ehemaligen US-Militärpolizisten Jack Reacher. Cool, aber nur was für Leute ohne Anspruch. Was ein Krokodil für ein Poloshirt ist, ist ein Buch für mich. Als Schauspieler ist es extrem wichtig, zu wissen, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Ein Buch mit grünem oder blauem Cover ordnet mich eindeutig den Männern zu.

Stärkt ein Blick in den Schritt, oder schwächt er, indem er Selbstzweifel schürt?

Solche Blicke stiften dazu an, über das nachzudenken, was da hängt. Mit diesen Selbstanalysen stellt man sich infrage, aber das muss einen nicht schwächen, im Gegenteil: Wer weiß, was er zwischen den Beinen hat, hat deutlich bessere Chancen, bei Beschwerden den richtigen Facharzt zu finden.

Welche berühmten Bücher kennen Sie?

„Ulysses“ von James Joyce und „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi.

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In Köln.

Ist es, weil ich zu viel auf Instagram rumhänge, wo immer nur die schönen Ausschnitte fotografiert werden? Kann ich deswegen den Anblick der Schülerin nicht ertragen, die sich hüftwackelnd die Leggings tiefer in den Arsch zieht und ihre Silhouette dabei in einer Glasscheibe kontrolliert, die an der Bushaltestelle ein Ray Ban Plakat vor dem Regen schützt? Stören mich deshalb die dutzenden von Tüten und Jutetaschen, die in unserer Küche aus allen Ritzen quellen? Könnte ich mich deswegen vor Stadtekel übergeben, wenn ich auf der Zülpicher Straße meine, statt auf Pflastersteinen bloß auf einer dicken Schicht aus Urin, festgetrockneter Spucke und Dönerfett zu laufen? Wäre Köln ein Mann, wäre es besser für ihn, verheiratet zu sein. Jede Bekanntschaft, die ihn im Morgenlicht zu Gesicht bekäme, würde geschwind das Weite suchen. Die brave Ehefrau hingegen würde den Blick abwenden, sich an die schönen gemeinsamen Jahre erinnern und warten, bis die Dämmerung oder ihre gute Laune den Liebsten in ein erträgliches Licht tauchte.

 

 

 

 

 

chronist.

Mausgesucht

In unserer Küche wohnt eine Maus. Wir hoffen zumindest, dass es nur eine ist. Wir haben auch eine Mausefalle aufgestellt. Immer wenn ich nach Hause komme gucke ich, ob das Mäuschen drin sitzt. (Dafür schaue ich nicht in den Briefkasten, mein Name steht nämlich noch nicht dran.) Die Falle sieht allerdings dermaßen erschreckend aus, dass ich nicht glaube, die Maus so jemals zu fangen. Wahrscheinlich läuten bei ihr alle Alarmglocken.

(Falls es einen speziesübergreifenden Instinkt dafür gibt, was gemütlich und einladend aussieht, wird diese Falle wohl auf ewig verwaist bleiben. Welche Maus, die noch ganz bei Trost ist, würde hier hineingehen, nur um ein auf einen Eisenstab gespießtes Stück Salami zu verspeisen?)

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Mittendrin statt nur am Rand

Gestern quälte mich den ganzen Morgen über die Frage, ob ich mich wohl trauen würde, im Loch Ness zu schwimmen (mittendrin, nicht nur am Rand). Durch bloßes Nachdenken bin ich zu keinem Ergebnis gekommen. Später bin ich dann von St. Pauli nach St. Georg gezogen, alle meine Sachen haben in ein Drive-Now Auto gepasst. Heute quält mich die Frage, wie Blockchain funktioniert. Weißt du das zufällig?

 

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