staud’s beschwipste jahresweichsel

ich bin als erste wach und rette mich in einen kapuzenpullover vor der kälte, die beim schreiben in die finger kriecht und an den füßen knabbert. der himmel ist grauer als gestern, als giovanni sagte, er habe das gefühl, alles, was aus seinem mund komme, sei sauer, und luis erwiderte, er auch, während er an einer zitrone lutschte. ich saß drei stunden regungslos am küchentisch und portraitierte den kühlschrank, bis paul kam, als ich eben den schatten der mon cherie packung bearbeitete, die packung nahm, nach inhalt sah und anders wieder zurücklegte.

Bildergebnis für weichsel

es ist zeit, das neue jahr technisch ernst zu nehmen, wenn im email eingang nachrichten von der uni erscheinen. am dritten januar wird also wieder „zu arbeiten angefangen“. einen literarischen text zum jahreswechsel schreiben, sich ein bisschen über den bildschirmrand der welt hinauslehnen und dem himmel beim grausein zuschauen. wenn ich runterfalle, fühlt sich das parkett wie zuhause an und man könnte irgendwie weich landen. aus angst tuts dann trotzdem weh. nüchtern kann man unter umständen am besten besoffen schreiben. unter anderen umständen mitunter nicht. auf andere fälle lassen sich türen mit unverbogenen schlüsseln leichter öffnen. die welt ist die welt vor der wand ist die wand ist die welt hinter der wand. kitschige lieder im radio und raupen auf steinen; tunke den bleistift in milch und schaue dem vater die schwarzen locken ab; die wörter verschwinden in seinem mund und weg; diese raupe ist eine kugelschreiberspiralfeder, sprunghaft und haarig. sie robbt davon. ich sitze im erdbeergeröll, da, im menschlichen minus; esse erdbeeren; woran ist das scheitern gelehnt? und steht es da gut? der kaffee greift meinen magen an, ich fühl mich sonntag.

aesthet

 

Hab mal wieder die Kontrolle über meine Körper verloren. Ich weiß nicht, ob ich Hunger oder Durst habe oder eigentlich viel zu voll bin oder müde oder ob ich Muskelkater habe oder einen Herzinfarkt. Bin nur froh, dass auf dem Weg von Köln nach Hamburg alles so unendlich zumutbar ist. Die Temperaturen im Flughafen, die Wartezeiten, die Fußwege. Nur die scheiß Menschen nicht. Hinter mir sitzt ein Geschöpf mit Stinkefüßen und Husten. Eines von beiden hätte zu meiner Verärgerung schon gereicht, aber vereint bringt es mich zum Hassen. Das Geschöpf ist ein kleiner dicker Junge. Zum Glück hat er erst beim Landen mit dem Husten angefangen. Neben mir ist frei. Am Gang sitzt eine Frau, in deren Parfüm ich mich vor den Stinkefüßen retten kann. Ich weiß nicht, ob man das sagen kann: sich in etwas retten. Aber ich habe es gemacht.

chronist

letzte weihnacht oder um den fünfundzwanzigsten

weihnachten oh was für ein schlamassel die ganze familie auf drogen oder mindestens besoffen alles liegt in schnee gehüllt die ganze landschaft wunderschön und weiß alle haben denselben teint etwas zu rot vom alk oder von der hitze es wird alles geklärt was sonst nie gesagt werden würde plötzlich sagen alle wen sie lieben und noch mehr was sie an den anderen bis aufs alkgetränkte blut nicht ausstehen können tagelang sitzen alle aufeinander und die nüchternheit kommt erst wieder wenn die supermärkte wieder auf haben so lange sind alle einem zauberhaften rausch verfallen weil sich keiner dem grause nüchtern stellen will alles verschwimmt einer bricht das schweigen mit einem leise angestimmten liede keiner stimmt mit ein weil es ein erfundenes lied ist dessen text auch keiner versteht irgendeine fantasiesprache wahrscheinlich alle schauen sich komisch an und sagen nichts kurz bevor sie das stimmengewirr munter weiter am leben erhalten ein paar sind schon eingeschlafen mit ihren roten gesichtern schauen sie aus wie krebse in rollkragenpullovern wieder einer fängt an zu tanzen es spielt aber keine musik alles verstummt erneut eine komische situation fürwahr

aesthet

Alternative Sternzeichen

Es ist mir peinlich, dass meine Schwester Grundschullehrerin ist, aber ich arbeite dran.

Verschone mich mit guten Ratschlägen, wenn ich gerade körperliche Arbeit verrichte.

Es ist nicht die Anlage, es ist nicht das Licht – es sind die Leute.

Ich hab kein Geld für Essen.

So komisch es ist, wenn zwei Männer sich küssen, so geil ist es, wenn zwei Frauen es tun.

Ein Leopardenpulli ist mir zu konkret.

 

chronist

im rausch der nacht

im gehen über diese fußsache nachdenken und gleichzeitig immer die obersten wohnungsfenstern ansehen. das da sieht aus wie ein vollmond. sterne gibts auch. und raketensausen. oder astronautentinnitus. warum immer weltraumassoziation. die meisten schilder und autos sind rot. diese stadt hat keine brauchbare suchfunktion. man kann höchstens hingehn und nachsehn. und sich korrigieren lassen, von ampeln, schildern, schlenderern und anderen. füße: kalt. über rote ampel gehen.
wahnsinn, wie das geht, dass man gar nicht so weit geht, und schon ist man da wo das so voll und besoffen ist, dass die die kneipentür offenlassen müssen, damit denen keiner erstickt. mit trinksprüche, aber die allerallerprimitivsten. oder halt doch wieder raus. gibt halt bier, aber gibt bier halt? ha ha wenn ich poetisch sein will, das könnt der titel werden. man sagt ja nicht mehr überschrift. überschrift ist volksschuledeutschaufsatz, wo man dazwischen noch zierzeilen macht. auf den topfpflanzenblättern vor mir und dem blick aus dem fenster ist genauso viel staub wie unter meinem bett, behaupteterweise.
was alles gleich leer ist von hinten, wer vorbeigeht und hannibal fliesen vorne. das ist wirklich voll da. wo würde ich stattdessen hingehen, wenn ich mehrere wäre? auch nur da, um meine leisesten zweifel davon zu überzeugen, dass es keine ernsthaften unterschiede macht und übrigens auch keine spaßhaften, ob ich nun hier oder zuhausegeblieben bin. im rücken den ruhestein. ich glaube nicht, dass urs weiß, dass ich ihn ruhestein nenne. ich glaube aber an die straßenbahn und alle, die drinsitzen. super find ich auch das:
<grafik>
extrem super. aber nur kurz. wo bleib der pfeil stecken, wenn er vom schild weg volle kanone in pfeilrichtung lossaust?
ein dreiviertel bier und ein paar bekannte gesichter später habe ich dne geruch der kneie eins zu eins übernommen. hier geht inzwischen allerhand vor sich: ein typ vor mir shcaut seiner freundin, die die gleiche frisur hat, intensiv in die augen. ein anderer typ, der auch die gleiche frisur hat, hat sein shirt ausgezogen und wird dafür lautstark von seinen freunden bejubelt. eine frau trägt einen extra eleganten satin rock und kann gut den hüftschwung richtung klo. ein mädel in lederjacke, passfit – einschub: ein mädel aus der typ-oben-ohne-ecke zieht ihren ausschnitt runter und zeigt einen nippel. gejubel bleibt aus. – einer redet nebenan unfassbar viel. das lederjackenmädel sitzt jetzt schon nicht mehr so nichtmitanzusehen unbequem und puppe auf dem schoß ihres freundes, der nun wichtig auf die uhr schaut. er lacht kurz und meckernd, nimmt einen knappen schluck aus seinem kleinen glas und einen zug zigarette, alles gleichzeitig. er hat eine brille und eine linkslahmgelegte gelfrisur. die person, deren namen ich mir nie merk, nicht weil ich arrogant bin, aber weil wir uns nichts zu sagen haben, reduziert den anfangs erfreuten smalltalk auf dieses weit in der vergangenheit zurückliegende haareschneiden, als wir nacheinander dranwaren; ich gehe nicht darauf ein und füge nahtlos eine andere unterhaltung mit einer anderen person an, die dann nahtlos zum tischfußball übergeht. ich setze mich und mein bier in eine alles im blick und ohr habende dunkle ecke des raums. aus dem nichtraucherbereich zieht ein laues lüftchen herüber, jedes mal, wenn jemand von dort aufs klo oder zur bar geht, am ende riechen sie alle auch wie der staub auf den platiktopfpflanzen da hilft das ganze tapfer-sich-hinter-der-glasscheibe-verhalten nichts. wenn das nebenan ein anderes lokal wäre und die glaswand dazwischen eine landesgrenze und das land auf der anderen seite zum beispiel tirol oder türkei. oder noch ganz was anderes. deutschland. und ich könnte kein deutsch. dann würd ich rübergehen und lauschen. oh, merk ich grade – ich amüsiere mich prächtig allein mit bier und kugelschreiber und papier und was sich reimt ist gut und es geht nicht immer um außen und aber ein bisschen lust hätt ich schon aber nicht auf und naja das muss man aushalt ist ja bloß nett gemein und kommunikativ wie leute mich jetzt ansprechen würden:
1)
leute: ist der noch frei? (stuhl)
ich: ja.
l: kann ich den nehmen? (nimmt stuhl)
2)
leute: was schreibst du denn da?
ich: liebesbrief.
l: darf ich lesen?
(wenn ich noch ein bier trinke, bin ich betrunken) leute lächeln anmutig und tragen das hemd ordentlich mit gürtelrose
reflex: aufs handy schauen. stattdessen: gähnen. es gibt von mir einige kindheitsfotos, auf denen ich mein ohr halte. in letzter zeit wieder öfter gemacht. heute drei oder viermal urtinnitus. wo? gestern in dem geschäft mit dem scherentürgriff. leute tragen arschglatte bobfrisuren und rauchen gestikulativ. die daneb
van allen gürtel, oft dran denken ohne zu wissen was ist. wär ja sonst auch egal wenns egal wär würd ich träumen und zwar so! wär ich ein mann hätt ich einen kinnbartwuchs und würd über die stoppeln streichen wie ein landstreicher über sein land. aber ich hab ja pickel. nebenan: „aber die ganzen medizinstudenten..“ und das was ich weglass, warum lass ich das weg?
leute stützen kinne auf hände und stecken brillenbügel in nasenlöcher und sind überhaupt schiach mit ihren gelhaaren und biermägen und cloudrapvorlieben. ich kann die husten hören, mit dem bob, laut und humorlos und der strumpflänge gerechtwerdend. dass mich niemand sieht, das soll, glaube ich, so sein. mittlerweile im blick: ein haufen brennender tschick, eine fürchterliche flasche wein mit so glitzergeschenkgeburtstagskramband dran – wieder laue nichtraucherluft – ein ventilator, der still und antiquarisch an der decke hängt, weniger gesichter und lege die füße hoch. das nippelmädel zeigt wieder ihren nippel, ihre freundin steigt über sie drüber und wischt ein glas vom tisch. der arschglatte bob sieht stehend wie ein geier aus. jemand riecht nach dem parfum „nicht von hier“
nebenan redet der typ, der vorhin für seine freundin noch ein bier bestellt hat, in unverändertem tempo immer noch unfassbar viel. ich verstrahle einen grad an charme, der gegen null geht, weswegen sich niemand in meine nähe wagt, jedenfalls nicht mit der körpervorderseite in meine richtung, ich kriege höchstens hinterköpfe und parfümierte ärsche ab, so berachtet macht das überhaupt nichts, dass ich gleich wieder gehe. ich kann ja noch ein bisschen biertrinken und gähnen und schreiben, dann tschüss sagen und mich in den nichtraucherraum oder deutschland setzen. wie albern, dieses kramen nach daseinsberechtigung. di- vergessen, wie das wort aufhört, wegen unterbrechung !reality live! wie mich leute ansprechen 1) ist eingetroffen. 2) beinahe auch, wenn seine freunde ihn nicht mit happy birthday…dear bene unterbrochen hätten. die verlegenheit, in die man gerät, während leute das singen, ist nicht cool wegzubehaupten, das geht nicht, hab ich jedenfalls noch nicht erlebt. aus dem nichtraucherraum kommen leute zum rauchen raus und der tüp, dem ich jetzt ein ü aufsetze, weil ich den so doof finde, labert noch immer unverändert seine arme freundin in grund und boden, während sie sich reserviert am hals kratzt und an dem bier nippt, das er für sie bestellt hat. er stellt wagemutig behauptungen auf, sie reagiert verunsichert, der typ mit der gleichen frisur hat seine haare gelockert, stuhl um stuhl entgeht meiner ecke und einer hat seine jacke unter meine füße auf die bank gelegt („ist da noch frei? störts dich, wenn ich da..“) bene hat geburtstag und zwar lautstark und in anwesenheit seiner niesenden liebsten. für die alle gibts jetzt schnaps. und höhlenmenschartiges gegröl. meinwajöeofijwoiefjaölkwöf alksjdf reflex handyschauen ich glaube ich werde überdrüssig des beobachtens und alsdann mich bewegen, sonst fragt bald wer meinen mantel, obs ihn stört, und setzt sich auf mich drauf. bene hat geburtstag und hält sich eine frau vom leib. sie grinst. von allen seiten reden leute auf bene ein. parfumwolke schwebt erneut heran und vermittelt leise: geh, wenn du morgen nach was riechen willst.

aesthet

belauschte gespräche im internet

ich habe mich in eine leberkäse community eingenistet und belausche fortan hoheitlichen kulinarischen austausch.

29.10.2018

Hallo erst mal und danke für die aufnahme. Hier meine erste LKW story für euch: War vorgestern gegen 21:00 im Rewe und hatte den ganzen tag noch nix gegessen (monatsende like wer kennt) konnte mit müh und not noch die 1,10€ (die preiserhöhung macht mich wahnsinnig) für ein leckeres LKW von der heissen theke zusammenkratzen. Dann der Schock: die Fleischereifachverkäuferin war gerade dabei die verbliebenen wurstwaren aus der auslage zu räumen. Kein Leberkäs weit und breit! Mich verzweifelt an ein letztes bisschen hoffnung krallend trat ich entmutigt vor sie hin und fragte ob sie nicht eventuell irgendwo noch ein bisschen fleischkäse übrig hätte. Und dann…als sie ein mütterliches lächeln auf den lippen, mir verschmitzt zuzwinkernd nach hinten verschwand und zurückkehrte mit einem wunderschönen, goldbrauenen, nagelneuen fleischkäse…als sie mir zwei extradicke scheiben abschnitt, sie mit müh und not auf ein brötchen balancierte und auf die tüte ein etikett für EIN LKW klebte…da war es mir so als hörte ich egelschöre…und ich wusste dass ich die frau fürs leben gefunden hatte. Hochzeit is nächsten monat. Sie hat gesagt sie muss noch überlegen.

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27.10.2018
Hallo Leute, meld mich heute noch mal von Rewe’s heißer Theke hinter dem Felsenkeller.
Diesmal mit einem richtigen Leberkäse post und ich muss sagen es war einfach spitze, wenn nicht eines der besten LKWs bisher in Leipzig.
Die Konsistenz, der ausgewogene Geschmack, das Brötchen, der süße Senf und vor allem der Preis von 1euro haben mich absolut umgehauen. Muss immernoch an diese schönen 2min des Hochgenusses denken.
Schaut ruhig vorbei wenn ihr in der Nähe seid und der kleine Hunger kommt.
Also, bis zum nächsten mal.
Euer Lkw Kumpel

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Klingt echt hervorragend.
überlege nur deswegen mal in den westen zu fahren
Wow!
26.10.2018
Spar Österreich (vegan)

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Blasphemie!
hat es denn geschmeckt?
Theodor hat offenbar noch nie vegan gegessen!! Die Frage erübrigte sich sonst, speziell in einem Lkw-Zusammenhang. omg
Was ist das denn?!?!!!
Ich erbreche eine cascade
Ban bitte…
Gab’s süßen Senf dazu? Kaiserbrötchen!!! In leberkäse ist ja auch kein Käse, wieso sollte in leberkäse überhaupt was tierisch sein. Lolol. Viele Grüße nach Wien.
Atomarer Winter! Jetzt!
Wo gibt es gutes Brot im Brot in Leipzig etc.?
Die Gefühle kochen hoch im LKW Fandom 😀
Da kannst du bei PETA ein paar likes bekommen, aber meins nicht!
Ohne mich!
Ich bin so wütend!
27.10.2018
Guten Morgen.

Der Peter und ich haben heute den hochgelobten LK an der Heißen Theke im Rewe HBFL getestet.

Zur Auswahl standen unter andren LK und PK. Auffällig und zur unserer Empörung lagen neben dem saftigen Laib LK zwei bereits abgeschnittene Scheiben, von denen ich eine auf ein viel zu krossem Bäckerbrötchen serviert bekommen habe. Geschmacklich war der LK top, fein gewürzt und sehr zart. Als Senf reichte man uns bautzener – leider keinen süßen Senf. Für das LKW vergebe ich eine 7/10.

Ab hier übernehme ich (Peter) das Review für das PK, um ein qualitatives Feedback zu gewährleisten.
Bezüglich des Brötchens schließe ich mich Emanoel an. (-2) Der PK war äußerst saftig und zart, hervorzuheben sind die großen Paprikastücken, die der Mahlzeit einen gesunden Anstrich verliehen haben.
Enttäuscht hat mich, dass im Vgl. zum Hit PK keine zusätzlichen (salamiartig) Fleischstücken im PK waren. (-1) Käse war top. Alles in allem eine Empfehlung für alle Reisenden und auch alle, die angekommen sind .

7/10

Wir wünschen allen LKW-FreundInnen ein schönes Wochenende.

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Ketchup!?
die einzig richtige Wahl, um möglichst nah an ein pizzaartiges Geschmackserlebnis zu kommen.
Tut mir Leid Peter. Ich schätze deine Meinung sehr, doch hier gehen unsere Geschmäcker auseinander. Senf hat imho nichts auf einem vernünftigen LKW zu suchen. Ich wünsche euch beiden dennoch ein angenehmes Wochenende!
Uneinige LG
Danke
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lol
26.10.2018

Belauschte Gespräche

Belauschtes Gespräch Nummer eins:

Ich sitze im Bus von Bergamo nach Mailand. Neben mir ein Typ, der aussieht wie ein menschgewordenes Käsefondue (blonde Matte, verschmierte Brillengläser, dicke Finger). Er trägt eine lila Batikhose und schwitzt. Alle im Bus schwitzen.

Er telefoniert mit einer Giulia Giulia Giulia.Vielleicht hat er mal irgendwo gelesen, dass Menschen es mögen, wenn man ihren Namen sagt. Jedenfalls sagt er ihren Namen oft. Ich schnappe irgendwas mit „dreckiger Motherfucker“ auf. Sowas interessiert mich natürlich. Ich starre in mein Buch und lausche so doll ich kann:

Giulia Giulia Giulia dein Vater ist ein Arschloch tut mir leid dass ich das so sagen muss aber dein Vater ist ein dreckiges Arschloch do you understand Giulia. He harassed her. Meine Tante hat drei Kinder und dein Vater hat sie…

Er redet immer leiser. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich ihn belausche. Oder er will mich nicht beim Lesen stören.

Don’t be so cold don’t be so cold now Giulia…… Giulia deine Mutter…  …ich liebe deine Mutter             …deine Mutter ist ein Segen für uns alle… es tut mir leid…                                               …nie mitbringen dürfen…                                                                     …. ein Arsch…                                                                                                                               …ja                                            …weil ich noch studiere…                          Giulia Giulia Giulia…

Dann legt Giulia auf oder die Verbindung bricht ab.

 

Belauschtes Gespräch Nummer zwei:

Nach Kirschgarten an der Theater-Bar. Ein Mann und eine Schauspielerin, beide könnten in einem unrealistischen ARD Film schon Großelten sein.

Sie: Die Jugendlichen kommen mir so verkrampft vor. Die wollen nur einen guten NC damit sie später dies und das machen können. Anstatt mal zum Hambacher Forst zu fahren.

Er: Ich wäre ja fast hingefahren, zum Hambacher Forst.

Sie: Mein Fahrradhändler war da. Der hat gesagt, es sei eine ganz tolle Atmosphäre. So wie der Anfang von Anti-Atomkraft.

 

chronist

Zwei Reisen

Seit der Sommer die Stadt unter sich begraben hat, geht er gerne mit einkaufen. Sie stehen vor dem Kühlregal und laden mariniertes Grillfleisch in den Wagen. Eigentlich würzt sie lieber selbst, aber bei der Hitze… Kein Wunder, dass sie in Afrika zu nichts kommen, die Armen. Eigentlich müsste man raus aus der Stadt, der elenden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

aus der Strassen quetschender Enge.*

Dahin, wo die Sonne keine Strafe ist. Auf den Koffern liegt der Staub von 3 Jahren. Sie fahren im Morgengrauen los, er muss bis Mailand nicht auf die Karte sehen. In der Hafenstadt steht der Verkehr. Die Fenster bleiben oben. Sie wollen keine bettelnden Hände im Wagen, und schon gar keine stehlenden. Die Fähre geht um 10, es wird knapp:

Und, bis zum Sinken überladen,

entfernt sich dieser letzte Kahn.*

Die Insel ist auf Besucher eingestellt: Morgens sammeln Jugendliche in gelben Westen das Strandgut ein, dann rammen Urlauber ihre Schirme in die unberührte Natur.

Im flachen Wasser ist es warm, die Wellen halten sich zurück. Er schläft er auf der Luftmatratze ein. Eine Stunde später ist er verschwunden, die Luftmatratze auch. Am Nachmittag beginnt sie, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Sie nimmt seine Sandalen mit zur Polizei.

Der Gerettete liegt im Krankenzimmer und ist sehr erleichtert. Sie haben ihn gerade noch rechtzeitig gefunden, er trieb 22 Kilometer vor der Küste. Völlig unterkühlt, mit einem schweren Sonnenstich. Er redet wirr und halluziniert. Die dünnen Laken tun gut auf der verbrannten Haut. Auf dem Nachttisch steht ein Blumenstrauß, jemand dreht den Ventilator in seine Richtung. Danke, denkt er:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!*

Auf dem Gang brüllt eine Frau: DAS IST NICHT MEIN MANN!

 

*aus Goethes Osterspaziergang

chronist

reisebericht: köln – ein zustand

man wabert in dieser hitze, rediglich. ein in der hosentasche vergessenes kaubonbon, an körperwärme zergangen, im regen aufgedunsen, von der waschmaschine durchgenudelt, durch den trockner gesiebt und dann aus den fasern gepult, das ist, wie man ist. heiß weiß meist nicht wohin. orientierungslose gänge am gang und durch türen um zu sehen, wo die hitze sich verzieht. wohin sie geht, braucht man nicht wissen, immer da wo sie nicht ist, ist man besser. das merkt man dann schon. schweiß rinnt einem wild durchs gesicht und überhaupt, aus allen poren spritzt es hervor und man muss achtgeben, nicht in einer eigens zusammengeschwitzten pfütze auszurutschen und sich hinterher dann noch zu erkälten, weil der wind, zwar mitnichten vorhanden, doch ausreichend für einen mittelklasse schnupfen wäre. das frühstücksmassaker überrestlich zu boden und in die ritzen gelaufen, das buttermesser zur schmiedewaffe erhitzt auf dem holzbrett, das kurz davor ist, feuer zu fangen. verkehrsspiegel schmoren bedauernswerten kinderwagenschiebern die fadigen haarreste vom kopf. an den händen kleinkinder, deren eis, kaum angeleckt…
man weiß absolut nichts, was man in dieser stadt noch anzufangen hätte. nichts. und deswegen fängt man das auch an, nichts. so nichtstet man vor sich hin, zaghaft erst, dann fester und irgendwann ganz entfesselt und aus vollem hals. zum speiben. da ist nichts zum speiben. mir nichts, dir nichts, hier nicht, dort nicht. die stadt ist leer von bekanntem, ausgeräumt wie eine einzelne wohnung, damit sich die hitze besser ausbreiten kann, die leute an den rändern rausgedrückt, in die paar pfützen und lacken, die ganz verdreckt und vermenschelt jedes jahr kurz vor dem umkippen stehen. es riecht nach von schweiß aufgeweichter und auf asphalt verbrannter haut. jede wolke verkneift sich das regnen und die balkonpflanzen verdörren bitterlich in ihren kästen, wo die erde staubtrocken von knarzigen wurzeln bröselt.
anfangs war das ja noch ganz lustig, das ständige klagen über hitze und ding, aber irgendwann ist die lust dem vollkommenen schrecken gewichen und das dasein ein höchst lebenswidriges fleuchen auf knien in gottes ersichtlicher ungnade. eines steht fest: da kann nur ein heiliges wunder helfen. ein gerichtliches verfahren löst sich in wohlgefallen auf wie eine vitamin d brausetablette in lauwarmem wasser.

aesthet

THEMA.PERSPEKTIVE

Ein kleiner Sachbearbeiter war zu einem großen Mahl eingeladen. Sie waren zu viert. Die Vorspeise war eine Gazpacho, eine Gazpacho. Hmmm. 

Der kleine Sachbearbeiter hatte nie zuvor eine Gazpacho gegessen, geschweige denn das Wort Gazpacho gehört. Die Gazpacho schmeckte ihm ganz ausgezeichnet. Er war als Erster damit fertig. „Eine ausgezeichnete Gazpacho“ hätte er gerne gesagt, war sich aber unsicher bezüglich der Aussprache. Zur Sicherheit entschied er, abzuwarten. 

„Eine tolle Gazpacho“ sagte einer.

„Super, diese Gazpacho“ sagte ein anderer. 

Der kleine Sachbearbeiter nickte nur. Gaspatscho. Gaspatschio. Gaaspatschscho.

 

 

Dann kam die Sommerpasta, nach einem Rezept von Jamie Oliver: Spaghetti mit Eigelb und Zitrone und natürlich Basilikum. Kalt. Was für eine ungewöhnliche Kombination!

Der kleine Sachbearbeiter wäre gern noch mal auf die Gazpacho zu sprechen gekommen, fand aber, das sei nun auch wieder der falsche Zeitpunkt. Mitten in der Hauptspeise. Später. 

Der Nachtisch war ein Parfait. Halbgefrorenes. Dann war das Essen vorbei. Der kleine Sachbearbeiter ging.   

Man wunderte sich. Der kleine Sachbearbeiter hatte es wohl nur auf den Wein abgesehen. Der gute Wein. Er war kein Kostverächter, so viel stand fest. Aber die Gazpacho so runterzuschlingen. Wirklich. Die ganze Zeit über hatte er nicht geredet, nur getrunken. Siebenmal hatte man ihm nachschenken müssen. Sieben Mal! Dann war er gegangen: 

Tschüß. Und danke für die Suppe. 

 

chronist