1 Uhr

Mir ist aufgefallen, dass mir gar nicht aufgefallen ist, dass die Uhr umgestellt wurde. Ich hätte gerne gesehen, wie die Anzeige von 2:59 Uhr auf 2:00 gesprungen ist, wie ein kleines digitales Naturwunder. Irgendwann ist Uhr „umstellen“ vielleicht so ein Wort wie „auflegen“. Früher legte man das Telefon nach dem Gespräch auf eine Gabel, um die Verbindung zu trennen. Früher zog man an seiner Uhr einen kleinen Pinockel raus und drehte eine Stunde weiter. Im Sommer. Im Winter drehte man 11 Stunden weiter, weil man das Uhrwerk nicht gegen den Uhrzeigersinn drehen durf… „Was ist ein Uhrzeigersinn?“ Rechts herum, mein liebes Enkelkind.

Ok, danke liebe Großmutter und jetzt muss ich auflegen, die Mittagspause ist vorbei. (Das Enkelkind macht nämlich Work and Travel auf einer Klick-Farm in Südostasien.)

Ich werde dann lächelnd in meinen VR-Kamin blicken und darüber nachdenken, wie sehr ich mich beim Uhr umstellen im Winter immer konzentriert habe, um nicht zu weit zu drehen. Wie ich dann doch zu weit gedreht habe und die Datumsanzeige an meiner silbernen DKNY Uhr nie wieder richtig ging. Und wie gar nicht schlimm das war, weil eh kein Mensch auf seiner Armbanduhr nachguckt, welches Datum wir haben. Außerdem war die Uhr potthässlich.

 

 

 

chronist

Mein Herz klopft im Kaffeemaschinentakt und ich weiß nicht, wo die Bremse ist

Ich kann nicht schlafen. Ständig klappern mir irgendwelche Teekannen im Gehirn rum, oder das Besteck fällt klirrend zum Gedankenboden, oder die Gedankensprünge tscheppern und alles macht so einen Höllenlärm, dass ich den Sturm, den echten, draußen, gar nicht mehr hören kann. Mein Herz rast. Mein Magen rumort. Ich habe den ganzen Tag Kaffee in ihn hineingeschüttet – mit Zucker, ohne Zucker, mit viel Milch und Schaum, schwarz und konzentriert – worauf ersteres zurückzuführen sein dürfte. Zweiteres wohl auf die beiden Enchiladas, die dem Kaffee nun (besser spät als nie?) Gesellschaft leisten. Jetzt ist es halb zwei – dass die Uhr umgestellt wurde, passt ganz gut zu meinem Momentanleben, das wie eine Sanduhr immer dann wieder umgedreht wird, wenn sich mal halbwegs was gesetzt hat – und ich rotiere noch immer wie ein Kreisel, obwohl ich längst keine Energie mehr haben kann und sterbensmüde bin. Ein bisschen ist mir zum Heulen zumute, aber das darf ich nicht, es läuft doch alles ganz gut eigentlich. Ich wünschte nur, ich hätte diese verdammten Baldrianpillen von zuhause mitgenommen. Davon eine oder zwei und ich könnte endlich einmal wieder schlafen. Schlafen, das ist mein Stressthema. Vielleicht sollte ich eine Schlafdokumentation drehen, mich selbst als Protagonistin einsetzen und zu dem Schluss kommen, dass der viele Aufwand sich nicht gelohnt hat und dass die Dinge, über die ich nachdenke, während ich anstatt zu schlafen nachdenke, des Nachdenkens nicht die Bohne wert sind und mir dann eine Packung Noctamid oder Benzo kaufen. Dann eine Woche durchschlafen und dann den ganzen Mist wieder löschen, den ich geschrieben habe, während ich nicht schlafen konnte.

aesthet

Was du beruflich machst

L und ich frühstücken in einer Bäckerei, die auch ein Coworking-Space oder eine Werbeagentur sein könnte. Hinter einer Glasscheibe matscht die schöne Bäckerin in Kirschfüllung rum. Draußen klauben zwei Krähen Tüten aus dem Mülleimer, um etwas Essbares zu finden. Keiner meckert, typisch Ehrenfeld. Wenn das jeder machen würde. Dann kommt eine ehemalige Mitschülerin von mir rein. Ich habe sie seit dem Abi nicht gesehen. Ich überlege 15 Sekunden ob und wie, dann stehe ich auf.

Ich: „Hallo“

Sie:“Hallo. Und, was machst du beruflich?“

Ich:

 

Normalerweise fragen mich Leute sowas nicht. Höchstens: Und, was machst du… so? Schöner Schlamassel. Ich sage, dass ich in einer Werbeagentur arbeite. Dann rastet mein Rückgrat wieder ein:

„Ist aber eher ein Praktikum.“ Sie sagt dann zum Glück, dass sie Lehrerin ist. Ich: „Boah, krass.“

Ich bin mir sicher, dass ich das mit dem Praktikum nicht gesagt hätte, wenn L nicht dabei gewesen wäre. Weil ich mich so dafür schäme, vergesse ich, eine Frage zu stellen. Sie geht dann doch woanders was essen. Vielleicht will sie lieber in eine Bäckerei gehen, die nicht so tut als wäre sie etwas anderes. Ich nehme mein Handy und will irgendjemanden aus meiner alten Klasse anrufen, um die Neuigkeiten zu verbreiten. Geht aber nicht, ich habe nur noch 1% Akku. Weil ich ein sehr langes Video von Krähen gemacht habe.

chronist

Muhkunft.

Habe in Hamburg ein möbliertes Zimmer für 500(!) Euro gemietet und bin mit nur einem Koffer und einer blauen Plastiktasche umgezogen. Jetzt hat quasi jede Unterhose ihre eigene Schublade. Platzmäßig lebe ich im Überfluss. Und: Der Boden im Zimmer ist äußerst benutzerfreundlich konzipiert. Die Lücken zwischen den Holzdielen mampfen zuverlässig meinen Staub.

Draußen spektakelt es eher traurig vor sich hin. Mein Haus steht neben einer Art Melkkarussell für Menschen: einem Einkaufszentrum. Man soll viel von allem kaufen. Corporate Identity zum Essen, Anziehen und Wohnung dekorieren. Ich habe mir geschworen, niemals da rein zu gehen und bin eine Stunde später rein gegangen. War auch echt ein traumatisches Erlebnis. Ich hatte zum Beispiel gedacht, Modenschauen in Einkaufszentren seien mittlerweile von Menschenrechtlern abgeschafft worden. Ist aber nicht der Fall.

Es wäre eigentlich cool, mal Sachen da hinzubringen. Also einfach alles, was man nicht mehr braucht, irgendwo in den Läden zu verstecken. Mache ich vielleicht mal, ich schicke dann Fotos.

 

 

chronist

Zukunft in Klammern

Zack. Einmal kurz nicht aufgepasst (oder gut aufgepasst?) – zack. Steht mein erster (und nach vier Wochen bisher schnellster) Umzug in Wien fest (zwei Castings für Nachmieter meines alten Zimmers habe ich schon hinter mir, ebenso das vorangegangene Gebeichte meines Umzugsvorhabens an meine alten Mitbewohner; fünf Absagen infolge, noch ein Casting angesetzt. Knappe vier Tage bleiben mir noch), und zack – arbeite ich in einem ägyptischen Café, das meinen zukünftigen Vermietern (und früheren Bewohnern meines zukünftigen Zimmers) und Eltern meiner zukünftigen Mitbewohnerin gehört. Mein erster Arbeitstag war heute. Mein Gehirn ist weichgekocht und ich weiß nicht, wie ich das heute gemacht habe, aber irgendwie habe ich wohl den ganzen Tag ganz passabel gekellnert. Space Disco und Roger Willemsen. Mir wird nicht langweilig. Wo bist du eigentlich? In Köln? Oder in Hamburg? Und wann werde ich wohl wieder mal „was für die Uni tun“?

aesthet