So schlau als oder wie zuvor?

Was ich diese Woche schon wieder alles gefunden habe…Foto von zwei Luftballons

Heinz Strunk (im ersten Rang ganz rechts im Schauspielhaus, mit seiner Freundin, jung und blond), den Weg in die Rote Flora (der Boden vibriert und Club Mate kostet nur eins-fünfzig), zwei Luftballons in einem Einkaufswagen, den richtigen Finger im Streit mit einem beknackten SUV-Fahrer. Karsten Maschmeyer um 5 Uhr morgens auf dem Fischmarkt (muss viele Feinde haben, er hatte 180 Bodyguards dabei), den Todes-Turm auf der Kirmes (die in Hamburg Dom heißt). Schlaglöcher im Fahrradweg, das Tomatenmark bei Rewe (dafür 12637 verschiedene Sorten Pesto), den richtigen Ton im Streit mit einem beknackten SUV-Fahrer, dass L. heute wieder nach Köln gefahren ist.

Anderes Thema:

Theater

Im Theater haben wir Unterwerfung gesehen. Die Frau neben mir war extra aus Neapel gekommen, um Edgar Selge als Francois zu sehen. Die Frau neben ihr war extra in Sonntagsschuhen gekommen. Die beiden haben sich dann auf Parsel um die Aussicht gestritten. Die aus Neapel:„Typisch Deutsch.“

Francois findet auch viel; das Meiste entweder erbärmlich, blöd oder schlimm. Aber er geht nicht wählen, sondern bringt lieber sein Geld in Sicherheit. Er fragt auch keine seiner Studentinnen, ob sie es schade findet, dass sie nicht mehr in die Uni darf. Wenn man merkt, dass es was zu kritisieren gibt, muss man das machen. Auch, wenn man selbst zu denen gehört, die nur mittelbar von den Folgen des Zu-kritisierenden betroffen sind.

Im Fall Agar Agar ist es doch völlig angemessen, auf auditive Missstände aufmerksam zu machen. Man könnte ein schöneres Wort dafür etablieren. Sonst ändert sich ja nie was. Ich gehe morgen zum Schanzenbäcker und bestelle ein Körnerbrötchen, obwohl ich genau weiß, dass es eigentlich „Fittikus“ heißt. Fittikus!1! WTF ?!?!

chronist

Quäken, quieken, quandern

„Und du bist der Ästhetik-Duden, oder wie?“, wurde ich gestern gefragt, als ich meinte, „Agar-Agar“ wäre doch eher ein mittelschönes Wort im Vergleich zu „vergnügt“. Dann habe ich mich ganz doll geschämt. Weil mir aufgefallen ist, dass ich ununterbrochen Leuten meine Meinung auf die Nase binde, die davon vielleicht gar nichts wissen wollen. Fast schon übergriffig könnte man das nennen. Aber ist es nicht das, was alle tun? Meinung sagen, Statement liefern, kommentieren, kritisieren, lästern. Eigentlich will ich da gar nicht mitmachen. Einfach gar nichts mehr sagen? Oder nur ganz wenig und? Oder nur anonym im Internet? Ein Ja-Sager will ich aber auch nicht sein. (Der JaSager ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 2008, bei der Peyton Reed Regie führte und Jim Carrey die Hauptrolle spielt.*) Ich muss noch einmal darüber nachdenken, wenn ich einmal Zeit zum Nachdenken habe.

Mit einem Theaterprojekt einer anderen Klasse im alten Postgebäude war ich die letzten Tage hundertmal mehr beschäftigt als mit meinem eigenen Unikram, den ich erstmal ins ansonsten leere Eisfach gelegt habe. Gestern haben wir bis tief in die Nacht im Agar-Agar-Acker herumgegraben, Ziel der Aktion war, die Gelatine, die hinten und vorne wegen Geld und Folienundichtheit (beim zweiten Mal rausschippen haben wir den unterirdisch geronnenen See entdeckt und ausgeschöpft) nicht gereicht hat, optisch zu vervielfältigen. Dabei ist ein ziemlich performanceverdächtiges Video entstanden.

Danach stand ich zuerst mit den Füßen im Waschbecken der Herrentoilette und später zuhause eine halbe Stunde in der Dusche und versuchte, das Gemisch aus schwarzer Pigment- Abtön- und Lackfarbe von mir herunterzuschrubben. An den Fingernägeln und da an der Nagelhaut ist das besonders hartnäckig. Aber ich musste doch heute wieder Kaffee und (Achtung, Ästhetik-Duden-Alarm!) – Bobo-Wort des Tages: Babyccino servieren.

aesthet

 

(*Quelle: Wikipedia)

Apropos verkleiden.

In echt habe ich ein Muttermal über der Oberlippe. Auf der Fotoseite in meiner Agentur habe ich keins. Der Fotograf hat es wegretuschiert. „Wahrscheinlich dachte er, es sei ein Pickel,“ sagt M. Und ich frage mich, in welchem Katalog wohl steht, was man wegretuschieren muss und was nicht. Gibt es dafür internationale Vorgaben oder wird das regional geregelt?

Wäre auch als App praktisch, Push-Mitteilungen erlaubt:

+++ Zahnlückenregelung gelockert: Bis zu 3 mm gelten nun als zumutbar +++

+++ Ausschuss bleibt dabei: Lieber ein Muttermal zu wenig als ein Pickel zu viel +++

+++ Durchbruch an der Nasen-Front: Zugelassene Breite auf 5,3 cm erhöht +++

+++ Fun Fact: Heute vor 300 Jahren wurden rote Haare offiziell zur Betrachtung zugelassen +++

Die Idee, dass auch ungewöhnliches schön ist, ist eine der teuersten Errungenschaften unserer Zivilisation und deswegen mache ich jetzt diesen Tisch kaputt. Ich bin doch kein Blumengesteck, was man sich irgendwie zurecht zupft, weil man denkt, dass das halt so gehört. Wenn man Photoshop kann, könnte man doch andere Sachen machen als Pickel weg. Zum Beispiel einen Schnurrbart dran, oder einen Hering als Frisur. Schlage ich morgen vor.

 

 

chronist

Ich bin umgezogen, hallo Wien

TEIL 1: ICH BIN UMGEZOGEN

Die Baldriankapseln machen, dass ich ohne das übliche Gegrübel und die schlafzeitraubenden Gedankenpatroullien einschlafe und erst nach neun Stunden Tiefschlaf erwache. ES IST SO SCHÖN, AUSGESCHLAFEN ZU SEIN!!1!!! Das erste, was ich sehe, als ich die Augen aufmache, ist der Himmel über mir.

Zwölf Stunden etwa hat mein Umzug gestern gedauert. Mein Glück sind die Freunde, die ich in dieser Stadt habe, die kommen und mit mir und meinen Sachen U-Bahn fahren, mit dem Auto mein Schachtelbett übersiedeln, die Matratze mit dem Taxi abholen und zwischenlagern.

Und nun richte ich mein neues Zuhause ein.

Das Bücherregal sieht sehr leer aus. Ich kann mir eine eigene kleine bib schaffen. Unter einem riesigen Urwaldbaum steht mein Schreibisch, darüber sieht man die Vögel hinweg- undin den Süden ziehen. Und gelegentlich herunterscheißen. Ich hänge das Foto von der toten Schwalbe wieder auf.

Ich habe gar nicht das Bedürfnis, die Wohnung zu verlassen, es ist gemütlich und schwupps – bricht auch schon wieder die Dunkelheit herein.

TEIL 2: HALLO WIEN

Außerdem war gestern Oktoberende, das Fest der Toten und der Auferstehung, Kürbis-Erntedank, Klein-Karneval, Spinnwebenabverkauf und viele Leute haben sich thematisch maskiert. Apropos Verhüllungsverbot 2017. Und zusätzlich Sensen aus Aluminiumfolie mit sich herumgetragen. „Twickotweet, twickotweet“, schreit ein kleines Kind. „Und jetzt mit der Waffe!“, flüstert seine Mutter ihm aufmunternd zu. Zum Glück hat es eh kein echtes Maschinengewehr.

Als es an der Tür klingelt, denke ich, unser Bundesheer Boy hat seinen Schlüssel vergessen. Ich reiße die Tür mit extra Schwung auf und erschrecke damit eine etwa zehnköpfige Kinderhorde, allesamt ident geschminkt, in der Höhe variieren sie zwischen 0,5 und 1,2 Metern. Nach kollektivem, erschrecktem Eingeatme gackern alle wild aufgebracht durcheinander und sind ganz außer sich, sie sind doch die Grusler, warum stehen sie selbst plötzlich so völlig angegruselt-durchgewuselt da? Da stimmt doch was nicht!!?? Nach drei, vier Schrecksekunden kriegen sie sich aber schon wieder ein und ich triumphiere: „HA! Ich hab eucht erschre-heckt!“ Vereinzeltes, verstörtes und verunsichertes Kichern. Dann halten sie mir ihre durchsichtigen Plastiktüten hin. Schnell gehe ich im Kopf Kühlschrank, Eisfach, Lebensmittelschränke und gleichzeitig mit den Augen das Schuh- und Putzmittelregal durch. „Ich kann euch überhaupt nichts geben, tut mit leid.“ Es tut mir wirklich leid, ich hätte die Blagen sehr gerne mit Kokosflocken übersät oder mit Waschpulver. Vielleicht hätte ich ihnen auch Schokolade geschenkt, hätte ich welche gehabt. „Ehrlich, wir haben nichtmal Bier da. Nicht, dass ich euch Bier geben würde, aber wir haben echt nix da, ich bin gerade ausgezogen und die andern haben kein Bier gekauft.“

 

 

Und verwirrt ziehen sie von dannen.

aesthet