THEMA.PERSPEKTIVE

Ein kleiner Sachbearbeiter war zu einem großen Mahl eingeladen. Sie waren zu viert. Die Vorspeise war eine Gazpacho, eine Gazpacho. Hmmm. 

Der kleine Sachbearbeiter hatte nie zuvor eine Gazpacho gegessen, geschweige denn das Wort Gazpacho gehört. Die Gazpacho schmeckte ihm ganz ausgezeichnet. Er war als Erster damit fertig. „Eine ausgezeichnete Gazpacho“ hätte er gerne gesagt, war sich aber unsicher bezüglich der Aussprache. Zur Sicherheit entschied er, abzuwarten. 

„Eine tolle Gazpacho“ sagte einer.

„Super, diese Gazpacho“ sagte ein anderer. 

Der kleine Sachbearbeiter nickte nur. Gaspatscho. Gaspatschio. Gaaspatschscho.

 

 

Dann kam die Sommerpasta, nach einem Rezept von Jamie Oliver: Spaghetti mit Eigelb und Zitrone und natürlich Basilikum. Kalt. Was für eine ungewöhnliche Kombination!

Der kleine Sachbearbeiter wäre gern noch mal auf die Gazpacho zu sprechen gekommen, fand aber, das sei nun auch wieder der falsche Zeitpunkt. Mitten in der Hauptspeise. Später. 

Der Nachtisch war ein Parfait. Halbgefrorenes. Dann war das Essen vorbei. Der kleine Sachbearbeiter ging.   

Man wunderte sich. Der kleine Sachbearbeiter hatte es wohl nur auf den Wein abgesehen. Der gute Wein. Er war kein Kostverächter, so viel stand fest. Aber die Gazpacho so runterzuschlingen. Wirklich. Die ganze Zeit über hatte er nicht geredet, nur getrunken. Siebenmal hatte man ihm nachschenken müssen. Sieben Mal! Dann war er gegangen: 

Tschüß. Und danke für die Suppe. 

 

chronist

thema.perspektive

Kürzlich war ich war bei einer Münchner-mit-Money-Performance mit hyper hippem Künstler Publikum, stand während der gesamten Afterparty zum Fenster, Blick zum Hof, und habe folgenden Text geschrieben.

alles geschieht in meinem rücken und das ist nicht wenig. mein rücken ist weit ausgeschnitten. blicke auf meinem rücken vielleicht. vielleicht geh ich dann. heim oder gehen einfach. gehen einfacher als bleiben in dem fall. von fall zu fall tiefer. oder abstürzen. nicht unbedingt aber gehen vielleicht. reden und gehen. auch romantisch. aber eher gehen. gehen und einfach nicht bleiben. weit wärs nicht da hinunter. weiter als eine ebene vielleicht. eine ebene tiefer als der rücken. noch einen zentimeter tiefer und ich gehe. drauf los oder hinaus. drauf los eher schwierig in dem fall. einfach gehen einfacher in dem fall. ist mir auch alles ein bisschen zu abstrakt. rotes licht und leute. gegebenermaßen rote leute. aber nur in dem licht und nur in dem fall. ansonsten kein fall aus dieser höhe. höhe schwierig. fall klar. der punkt ist ja, dass alle fallen. in jedem anderen aber hier bleibt man stehen erstmal und schaut. das ist nichts für mich. ich schaue mit dem rücken und falle vorwärts aus dem fenster wenn ich falle. man blickt beim fallen auf den rückenausschnitt auf den schnitt auf perspektivenwechsel und blick auf den rücken aber von unten. noch weiter rauslehnen und ich gehe ab. kein fall in meinem fall. aber fälle. alle fälle führen nach unten und in jedem anderen fall träfe das auch auf mich zu. oder auf den rücken. nach blicken. blickdicht ist das licht nicht. aber gesetzt den fall. dann würde es auch anders gehen. apropos gehen. ich glaub ich geh jetzt.

Und ob man den Performance Text á la wir fliegen gemeinsam zum Mond und kochen Spaghetti auf Jupiter und reden aneinander vorbei gut fand oder so wie ich, ist auch eine Frage der Perspektive, der Hersteller desselbigen war jedenfalls zufrieden.

aesthet

Thema.Wunden

Im Innenhof der Wohnung einer Freundin, die ich letzte Woche in Graz besucht habe, steht ein Kirschbaum. Voller kindlicher Lebensfreude stand ich auf einem Stuhl unter dem Kirschbaum und streckte mich nach den reifen Kirschen, süßer Saft des Sommers. In einem Anflug von ichweißnichtmehrwas (weiß ich wirklich nicht mehr jetzt im Nachhinein) brach ich eine der schönen roten Kirschen entzwei und sieh an! – ein Wurm windet und suhlt sich im beigen Bauch des Früchtchens. Mit Würmern habe ich wirklich so etwas wie ein Problem, einen inneren Konflikt sozusagen, wenn sie sich in etwas verstecken, das mir potentiell als Nahrung dient. Dann mag ich sie nicht. Die wahrscheinlich einprägsamste in meiner Kindheit gesehene Filmszene ist diese aus „Die Mumie“, wo einer der Guten plötzlich ganz viele kleine Würmer unter seiner Haut entdeckt, die sich bis in sein Herz hinein- und ihn von innen auffressen. Das ist mit das Grausigste, was ich bis dato gesehen hatte. Oder diese Szene aus „Into the Wild“, wo die Fliegen Eier ins Elchfleisch legen und alles voller Maden ist. Einmal habe ich einen Kuchen gebacken in der Küche eines Lokals, und eine Made im Backpulver gefunden.

Wurmen.

Wunden.

Als Kind hatte ich eine kleine gelbe Ente, ein Laufrad, damit bin ich auf unserem Vorplatz herumgefahren, zweieinhalb war ich da vielleicht oder drei. Nach einer Weile ist mir das wohl zu langweilig geworden und da hab ich das Entenvieh über den Schotter auf die Einfahrt hinaufgezogen und bin die gleiche Strecke umgekehrt nach unten gefahren, hatte dann einen Kieselstein im Schädel und die Ente nie mehr bestiegen.

Eine zweite tierbedingte Wunde – wobei ich nicht weiß, ob man das Wunde nennt, wenn’s ein Bruch ist, verwundet würde man da eher nicht sagen, oder – bekam ich – wobei ich nicht weiß, ob man das bekommen nennt, wenn’s einem so ungewollt passiert – mit fünf, von einem Esel abgeworfen, Oberarm gebrochen. Da war mir dann schlecht und am Nachhauseweg vom Krankenhaus durfte ich am Rücksitz liegen und Trauben essen wie Cäsar. Warum wird das C bei Cäsar wie Z gesprochen und nicht wie K?

Meine schönste Fahrradwunde hatte ich mit 16, als ich von meiner ersten Ausbruchsreise ans Meer zurückgekehrt war und meine Eltern heilfroh, dass mir nichts passiert war in der wilden Fremde. Am Abend wollte ich schwimmen gehen, voll in die Pedale getreten, Straße leicht abwärts, dann gesehen, dass da eine Schnur quer drüber gespannt war, von meinem Vater, wegen der Kühe, da hab ich gedacht, scheiße, wenn ich jetzt bremse, haut’s mich hin, und wenn ich nicht bremse, wickelt’s mich rum, also was mach ich, ich lass es einfach mal auf mich zukommen, das ging dann relativ schnell, hab dann gebremst, mit vollem Schwung einen Salto oder einen doppelten gemacht, das ging so schnell, das weiß ich nicht mehr, und voll auf die Fresse natürlich. Cut am Kinn, blutüberströmt zur Mutter gegangen, Mama, ich glaub, ich bin hingefallen. Da wurde ich zum ersten Mal genäht.

aesthet.

 

Thema.WUNDEN

Wer bin ich?

Unter Schmerzen geboren besteht

Mein Lebenssinn drin,

Möglichst zur Gänze zu verschwinden.

Mein Grabstein ist eine Narbe. 

                                                     Die Wunde

 

Welche innere Verletzung entspricht einem aufgeschürften Knie? 

Wunden und Fahrräder gehören für mich zusammen. Mit sechs, relativ spät, habe ich Fahrradfahren gelernt. Erst mit Stützrädern, dann ohne. Ich habe mich beim Lernprozess oft schwer geärgert, weil es nicht klappen wollte. [Ein Exkurs in die motorische Pädagogik: Heutzutage ist man davon abgerückt, Kindern Stutzräder ans Fahrrad zu bauen. Besser, man lässt die Kinder zur Vorbereitung Laufrad fahren, oder Roller.]

Fahrradunfälle waren für mich fortan die Quelle zahlreicher Wunden: 

Meistens aufgeratschte Handballen und Schürfwunden an den Knien. Die Kniewunde ist wohl der Klassiker unter den Wunden. (Zumindest wenn man nicht in einem Land lebt, wo Menschen ausgepeitscht werden oder Schlimmeres.)

Eine besondere Pein bringen halbverheilte Kniewunden in Verbindung mit Strumpfhosen ≤ 40 Den. 

Mittlerweile habe ich beim Radfahren technische Perfektion erreicht. Ich falle fast nie hin. Kniewunden wurden von anderen Wunden abgelöst. Jetzt entsteht die Reibung nicht mehr zwischen meinem Körper und dem Boden, sondern zwischen meiner Seele und Beleidigungen anderer Verkehrsteilnehmer. 

Oft beschweren sich Leute über meinen Fahrstil und nennen mich übel: Schlampe, Fotze, dumme Kuh. Einmal hat mich auch jemand Arschloch genannt, da habe ich mich direkt ein bisschen emanzipiert gefühlt. 

Wunde:

Wunder: 

PS: Eine der außergewöhnlichsten Wunden, die mir das Fahrradfahren je beigebracht hat, war eine Schrammwunde über dem linken Hüftkochen. Die Straße war mit einer sehr dünnen Eisschicht bedeckt. Als ich mich scharf in die Kurve legte, rutschten die Reifen unter mir zur Seite weg und ich knallte körpermittig auf den kalten Asphalt. Eine tolle Wunde!

 

chronist