Ich bin umgezogen, hallo Wien

TEIL 1: ICH BIN UMGEZOGEN

Die Baldriankapseln machen, dass ich ohne das übliche Gegrübel und die schlafzeitraubenden Gedankenpatroullien einschlafe und erst nach neun Stunden Tiefschlaf erwache. ES IST SO SCHÖN, AUSGESCHLAFEN ZU SEIN!!1!!! Das erste, was ich sehe, als ich die Augen aufmache, ist der Himmel über mir.

Zwölf Stunden etwa hat mein Umzug gestern gedauert. Mein Glück sind die Freunde, die ich in dieser Stadt habe, die kommen und mit mir und meinen Sachen U-Bahn fahren, mit dem Auto mein Schachtelbett übersiedeln, die Matratze mit dem Taxi abholen und zwischenlagern.

Und nun richte ich mein neues Zuhause ein.

Das Bücherregal sieht sehr leer aus. Ich kann mir eine eigene kleine bib schaffen. Unter einem riesigen Urwaldbaum steht mein Schreibisch, darüber sieht man die Vögel hinweg- undin den Süden ziehen. Und gelegentlich herunterscheißen. Ich hänge das Foto von der toten Schwalbe wieder auf.

Ich habe gar nicht das Bedürfnis, die Wohnung zu verlassen, es ist gemütlich und schwupps – bricht auch schon wieder die Dunkelheit herein.

TEIL 2: HALLO WIEN

Außerdem war gestern Oktoberende, das Fest der Toten und der Auferstehung, Kürbis-Erntedank, Klein-Karneval, Spinnwebenabverkauf und viele Leute haben sich thematisch maskiert. Apropos Verhüllungsverbot 2017. Und zusätzlich Sensen aus Aluminiumfolie mit sich herumgetragen. „Twickotweet, twickotweet“, schreit ein kleines Kind. „Und jetzt mit der Waffe!“, flüstert seine Mutter ihm aufmunternd zu. Zum Glück hat es eh kein echtes Maschinengewehr.

Als es an der Tür klingelt, denke ich, unser Bundesheer Boy hat seinen Schlüssel vergessen. Ich reiße die Tür mit extra Schwung auf und erschrecke damit eine etwa zehnköpfige Kinderhorde, allesamt ident geschminkt, in der Höhe variieren sie zwischen 0,5 und 1,2 Metern. Nach kollektivem, erschrecktem Eingeatme gackern alle wild aufgebracht durcheinander und sind ganz außer sich, sie sind doch die Grusler, warum stehen sie selbst plötzlich so völlig angegruselt-durchgewuselt da? Da stimmt doch was nicht!!?? Nach drei, vier Schrecksekunden kriegen sie sich aber schon wieder ein und ich triumphiere: „HA! Ich hab eucht erschre-heckt!“ Vereinzeltes, verstörtes und verunsichertes Kichern. Dann halten sie mir ihre durchsichtigen Plastiktüten hin. Schnell gehe ich im Kopf Kühlschrank, Eisfach, Lebensmittelschränke und gleichzeitig mit den Augen das Schuh- und Putzmittelregal durch. „Ich kann euch überhaupt nichts geben, tut mit leid.“ Es tut mir wirklich leid, ich hätte die Blagen sehr gerne mit Kokosflocken übersät oder mit Waschpulver. Vielleicht hätte ich ihnen auch Schokolade geschenkt, hätte ich welche gehabt. „Ehrlich, wir haben nichtmal Bier da. Nicht, dass ich euch Bier geben würde, aber wir haben echt nix da, ich bin gerade ausgezogen und die andern haben kein Bier gekauft.“

 

 

Und verwirrt ziehen sie von dannen.

aesthet

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