Was du beruflich machst

L und ich frühstücken in einer Bäckerei, die auch ein Coworking-Space oder eine Werbeagentur sein könnte. Hinter einer Glasscheibe matscht die schöne Bäckerin in Kirschfüllung rum. Draußen klauben zwei Krähen Tüten aus dem Mülleimer, um etwas Essbares zu finden. Keiner meckert, typisch Ehrenfeld. Wenn das jeder machen würde. Dann kommt eine ehemalige Mitschülerin von mir rein. Ich habe sie seit dem Abi nicht gesehen. Ich überlege 15 Sekunden ob und wie, dann stehe ich auf.

Ich: „Hallo“

Sie:“Hallo. Und, was machst du beruflich?“

Ich:

 

Normalerweise fragen mich Leute sowas nicht. Höchstens: Und, was machst du… so? Schöner Schlamassel. Ich sage, dass ich in einer Werbeagentur arbeite. Dann rastet mein Rückgrat wieder ein:

„Ist aber eher ein Praktikum.“ Sie sagt dann zum Glück, dass sie Lehrerin ist. Ich: „Boah, krass.“

Ich bin mir sicher, dass ich das mit dem Praktikum nicht gesagt hätte, wenn L nicht dabei gewesen wäre. Weil ich mich so dafür schäme, vergesse ich, eine Frage zu stellen. Sie geht dann doch woanders was essen. Vielleicht will sie lieber in eine Bäckerei gehen, die nicht so tut als wäre sie etwas anderes. Ich nehme mein Handy und will irgendjemanden aus meiner alten Klasse anrufen, um die Neuigkeiten zu verbreiten. Geht aber nicht, ich habe nur noch 1% Akku. Weil ich ein sehr langes Video von Krähen gemacht habe.

chronist

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